Gibellina

File 314Gibellina oder Gibellina Nuova ist eine sehr ungewöhnliche Sehenswürdigkeit. Überall auf Sizilien dominieren die Denkmäler des Altertums, Mittelalter und Barock, doch in Gibellina begegnen Sie einer Stadt vom Reissbrett mit der höchsten Dichte an modernen Denkmälern in ganz Italien. Die Stadt liegt in der Provinz Trapani und geht eigentlich auf eine Gründung des 14. Jh. zurück. Ein Erdbeben im Belice-Tal Anfang 1968 zerstörte sie völlig und anstatt sie wieder aufzubauen, wurden die Bürger nach 10 Jahren des Übergangswohnen in das neu errichtete Gibellina Nuova in 28 km Entfernung umgesiedelt.

An dem Wiederaufbau Gibellina Nuovas waren Architekten, Bildhauer und Maler des ganzen Landes beteiligt (Arnaldo Pomodoro, Pietro Conzagra, Gino Severini, Ignazio Moncada u.v.m.), doch bleibt das Resultat bis heute nicht nur unter den Einwohnern umstritten. Die moderne Kirche La Grande Sfera (= die grosse Kugel) mit gigantischer Kuppel bildete damals das vielgepriesene Hauptwerk der neuen Stadt. Heute ist die Euphorie des Wiederaufbaus scheinbar in Vergessenheit geraten und die Kirche verfällt zunehmend. Auch internationale Künstler stifteten Kunstgegenstände für die neuen Platzanlagen Gibellinas, ein Museum für Moderne Kunst zeigt weitere Schenkungen von Künstlern wie Joseph Beuys, Rob Krier oder Oswald Mathias Unger. Das in ganz eigener Interpretation erscheinende Stadttor hat die Gestalt eines Sternes und stammt von dem 2005 verstorbenen Bildhauer Pietro Conzagra, der in Italien als Hauptvertreter der abstrakten Kunst gilt.

Eine interessante und ideenreiche Installation ist die Zementaufschüttung einiger Ruinen des zerstörten und ausgestorbenen Gibellina Vecchia. Der Künstler Alberto Bruni liess in diesem Zementkomplex lediglich die tiefen Gräben des alten Strassensystems aus, die heute die Enge der spätmittelalterlichen Stadt vermitteln. Auch dieses Projekt ist umstritten, das alte Gibellina sei nun in seiner Tristesse dermassen gefestigt, dass hier vornehmlich Tragödien aufgeführt werden könnten. Tatsächlich veranstaltet das Teatro dei Ruderi (Ruinentheater) regelmässig im Sommer verschiedene Aufführungen mit Schauspiel und Musik, oftmals inhaltlich an die Wiedergeburt der Stadt geknüpft. Nicht zuletzt ist Gibellina Vecchia mit der Zementierung quasi eingefroren worden, entgeht dem völligem Zerfall und bleibt somit in Erinnerung.

Insgesamt hat man damals auf vorbildliche Weise versucht mit Gibellina Nuova ein modernes kulturelles Zentrum zu schaffen – ein Ethnografisch-Anthropologisches Museum, ein botanischer Garten und ein "Garten der Düfte" sind noch Zeugen der Idee, aus Gibellina eine Gartenstadt mit Plätzen und Grünanlagen zu machen. Entdecken Sie die unzähligen Kunstwerke an Gibellinas Plätzen und Strassen und machen Sie sich ein eigenes Bild von der modernsten Stadt Siziliens – in kultureller Hinsicht finden Sie auf jeden Fall reichlich Abwechslung und interessante Impressionen, die jede Menge Gesprächsstoff liefern.